Forschung

Forschungsschwerpunkt Krisenfrüherkennung

HINTERGRUND DER FORSCHUNGSMOTIVATION

Eine Unternehmenskrise kann als eine ungewollte Situation beschrieben werden, welche die Existenz eines Unternehmens bedroht (vgl. Schwarzecker & Spandl, 1993, S. 25; Krystek & Moldenhauer, 2007, S. 25). Diese Definition ist insgesamt sehr allgemein gehalten, da es sehr viele mögliche Ursachen gibt, welche eine Krise bedingen können. Dieser Umstand erhöht die Komplexität und erschwert das Verständnis der Phänomene Unternehmenskrise und -insolvenz entsprechend, was zugleich ein wesentlicher Grund dafür ist, warum es in diesem Bereich vermehrte Forschungstätigkeiten gibt. Es existieren unterschiedlichste Modelle in der Betriebswirtschaft, welche die Krisenphasen eines Unternehmens einteilen. Das abgebildete Modell wurde (in Anlehnung an Schwarzecker & Spandl, 1993; Krystek & Moldenhauer, 2007 und Exler und Situm, 2013) vom Institut für Grenzüberschreitende Restrukturierung entwickelt.

Auch nach über 50 Jahren Forschung in der Krisen- und Insolvenzfrüherkennung gibt es noch keine geschlossene Theorie in diesem Feld, welche mit anerkannten Finanzierungstheorien verknüpft werden kann (Krystek & Moldenhauer, 2007, S. 40; Pretorius, 2008). In diesem Zusammenhang gibt es sehr viele unbeantwortete Fragen, welche weiterführender Forschung bedürfen, um einen Fortschritt zur Entwicklung einer solchen Theorie zu ermöglichen. Die herrschende Ansicht der Literatur ist, das der Lebenszyklus eines Unternehmens nicht durch eine dichotomische Denkweise (solvent/insolvent) beschrieben werden kann (Altman, 1968; Edmister, 1972; Ward, 1999, Cestari, Risaliti & Pierotti, 2013), sondern das Unternehmen unterschiedliche finanzielle und wirtschaftliche Gesundheitszustände einnehmen können (eine Art Kontinuum), welche man auf Grund aktuell vorliegender Forschungsergebnisse nicht identifizieren und erklären kann. Der Mangel an Erkenntnis zur Identifikation dieser unterschiedlichen Zustände ist darauf zurück zu führen, dass seit Jahrzehnten eher versucht wird Insolvenzen zu prognostizieren, anstatt den vorgelagerten Krisenevolutionsprozess zu verstehen (Charitou, Neophytou & Charalambous, 2004, S. 493; Pretorius, 2009, S. 409). Auf Grund der fehlenden Möglichkeit zur Beobachtung dieses Prozesses, werden Krisenphasen im Allgemeinen (wie bspw. im IDW S6) ohne jeglicher theoretischer Fundierung definiert, damit zumindest eine Struktur in Form einer wahrnehmbaren Gestalt gegeben werden kann (Doubek, Exler & Situm, 2016).

Literatur:

  • Altman E. I. (1968). Financial ratios, discriminant analysis and the prediction of corporate bankruptcy. The Journal of Finance, 23(4), 589–609.
  • Cestari, G., Risaliti, G., & Pierotti, M. (2013). Bankruptcy prediction models: Preliminary thoughts on the determination of parameters for the evaluation of effectiveness and efficiency. European Scientific Journal, 9(16), 265–290.
  • Charitou, A., Neophytou, E., & Charalambous, C. (2004). Predicting corporate failure: Empirical evidence for the UK. European Accounting Review, 13(3), 465-497.
  • Doubek, C., Exler, M. W., & Situm, M. (2016). Aktueller Stand von Früherkennungssystemen: Eine systematische Übersicht zu Ansätzen zwecks Früherkennung von strategischen Unternehmenskrisen. Krisen-, Sanierungs- und Insolvenzberatung, 12(5), 204-210.
  • Edmister, R. O. (1972). An empirical test of financial ratio analysis for small failure prediction. Journal of Financial and Quantitative Analysis, 7(2), 1477–1493.
  • Exler, M. W., & Situm, M. (2013). Früherkennung von Unternehmenskrisen: Systematische Zuordnung von Krisenfrüherkennungsindikatoren zu den unterschiedlichen Krisenphasen eines Unternehmens. Krisen-, Sanierungs- und Insolvenzberatung, 9(4), 161–166.
  • Krystek, U., & Moldenhauer, R. (2007). Handbuch Krisen –und Restrukturierungsmanagement: Generelle Konzepte, Spezialprobleme, Praxisberichte. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Pretorius, M. (2009). Defining business decline, failure and turnaround: A content analysis. South African Journal of Entrepreneurship and Small Business Management, 2(1), 1 – 16.
  • Pretorius, M. (2008). Critical variables of business failure: A review and classification framework. South African Journal of Economic and Management Sciences, 11(4), 408-430.
  • Schwarzecker, J., & Spandl, F. (1993). Kennzahlen – Krisenmanagement mit Stufenplan zur Sanierung. Wien: Ueberreuter.
  • Ward, T. J. (1999). A review of financial distress research methods and recommendations for future research. Academy of Accounting and Financial Studies Journal, 3(1), 160–178.

  
ZIELE DER FORSCHUNGSBEMÜHUNGEN

Insgesamt kann festgehalten werden, dass das praktische als auch wissenschaftliche Verständnis, wie sich eine Unternehmensrise entwickelt und wie man unterschiedliche Krisenphasen messen bzw. kategorisieren kann, aus aktueller Sicht als sehr gering bezeichnet werden kann. Aus diesem Grund wurde am Institut für Grenzüberschreitende Restrukturierung ein eigener Forschungsschwerpunkt definiert, welcher folgende Ziele bzw. Fragestellungen verfolgt:

  • Erarbeitung von Indikatoren, welche unterschiedliche Schweregrade von Krisen voneinander unterscheiden können
  • Einfluss von Innovation auf die Entwicklung von Unternehmenskrisen
  • Einfluss von Innovation auf den Turnarounderfolg von Unternehmen
  • Verstärkung des Informationsgehalts von unterschiedlichen Krisenfrühwarnindikatoren, zur verbesserten Früherkennung von Unternehmenskrisen

  
PUBLIZIERTE FORSCHUNGSERGEBNISSE

Abstract:

Das Ziel dieser Studie war es einen Beitrag zu leisten, um die Unterschiede zwischen solventen und insolventen Unternehmen für die Zeiträume zwei und ein Jahr(e) vor Insolvenz besser zu verstehen. Aufbauend auf der Korrelations- und Faktorenanalyse sollte herausgefunden werden, ob mit Jahresabschlusszahlen bestimmte Verhaltensmuster festgestellt werden können, welche Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Unternehmenstypen erklären. Die Verbindungen zwischen Jahresabschlusszahlen zwei Jahre und ein Jahr vor Insolvenz zeigen schwache Korrelationen, wobei diese deutlich stärker für insolvente Unternehmen sind. Damit kann geschlossen werden, dass die finanzielle und wirtschaftliche Situation von insolventen Unternehmen stärker von der historischen Performance abhängt, als dies bei solventen Unternehmen der Fall ist. Dies legt auch den Schluss nahe, dass sich solvente Unternehmen im  Kontinuum der Krisenevolution eher auf einem determinierten Pfade bewegen, während die Bewegung von solventen Unternehmen in diesem Kontinuum eher zufällig erfolgt. Die Ergebnisse der Faktorenanalyse zeigen, dass die Jahresabschlusszahlen beider Unternehmenstypen auf Grund unterschiedlicher Faktoren erklärt werden können, was im Wesentlichen darauf zurückzuführen ist, dass bei insolventen die Bilanzsummen größtenteils aus Fremdkapital besteht und derartige Unternehmen auch in der Größe schrumpfen.

Publiziert in:
Situm, M. (2015). Analysis of correlational behavior of solvent and insolvent firms based on accounting ratios. Journal of Modern Accounting and Auditing, 11(5), 233–259.

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Abstract:

In dieser Studie wurde analysiert, wie sich insolvente von erfolgreich restrukturierten Unternehmen unterscheiden. Die Ergebnisse zeigen, dass bei restrukturierten Unternehmen ein besseres Rohertragsmanagement, eine höhere Profitabilität als auch eine höhere Zinsdeckung im Vergleich zu insolventen Unternehmen beobachtet werden kann. Manager sollten daher im Rahmen von Turnaround-Aktivitäten diese Aspekte berücksichtigen und entsprechende Maßnahmen zur Verbesserung dieser Kennzahlen einleiten. Eine genaue Unterscheidung zwischen diesen beiden Unternehmenstypen mit einem Prognosemodell bleibt jedoch schwierig und weist darauf hin, dass Jahresabschlusszahlen alleine nicht ausreichend sind, um die beiden Zustände insolvent und restrukturiert vollumfänglich beschreiben zu können. 

Publiziert in:
Situm, M. (2015). Recovery from distress and insolvency: A comparative analysis using accounting ratios. Proceedings of the 6th Global Conference on Managing in Recovering Markets, GCMRM 2015, 589–606.

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Die auf der Global Conference on Managing in Recovering Markets 2015 vorgestellte Präsentation finden Sie hier!

Abstract:

Das Ziel dieser Studie war es heraus zu finden, ob Jahresabschlusszahlen mit Bezug zu Mitarbeitern eines Unternehmens für eine verbesserte Früherkennung von Unternehmenskrisen und -insolvenzen genutzt werden können. Aufgrund eines Literaturrückblicks konnte geschlossen werden, dass diese Fragestellung nicht umfassend untersucht wurde. Ausgehend von Jahresabschlusszahlen österreichischer Unternehmen für die Jahre 2003 bis 2005 wurden multivariate lineare Diskriminanzfunktionen berechnet, um Unternehmen in die zwei Zustände insolvent und solvent klassifizieren zu können. Es konnte keine verbesserte Früherkennung von Insolvenzen durch den Einbezug von mitarbeiterbezogenen Jahresabschlusszahlen festgestellt werden. Aus praktischer Sicht ist festzuhalten, dass ein effizienter Mitarbeitereinsatz eine wichtige Rolle zur Reduktion der Insolvenzwahrscheinlichkeit spielt. Zudem wurden in dieser Arbeit zwei neue Kennzahlen mit Mitarbeiterbezug identifiziert, welche als Maßzahlen für die Größe eine Unternehmens herangezogen werden können.

Publiziert in:
Situm, M. (2015). The relevance of employee-related ratios for early detection of corporate crises. Economic and Business Review, 16(3), 279–314.

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Abstract:

Unternehmen in der Krise können mit entsprechenden Turnaround-Maßnahmen wieder in eine wirtschaftlich stabile Situation überführt werden. Hierfür ist es für den Manager erforderlich, sowohl eine entsprechende Datenbasis zu erarbeiten als auch Kenntnis über das Zusammenspiel der unterschiedlichen Funktionen im Unternehmen zu besitzen. Ausgehend davon müssen auf operativer Ebene Veränderungen implementiert werden, damit eine zielgerichtete und effiziente Reorganisation erreicht werden kann. Dies geht einher mit dem Aufbrechen bestehender Strukturen und Abläufe innerhalb der Wertkette eines Unternehmens. 

Publiziert in:
Exler, M. W., Situm, M., & Hueber, S. (2014). Die Krise verändert das operative Agieren: Eine vergleichende Analyse zwischen gesunden und angeschlagenen Unternehmen. Krisen-, Sanierungs- und Insolvenzberatung, 10(5), 202-207.

Abstract:

In dieser Studie wurde das Potenzial des Alters als auch der Größe eines Unternehmens für die Früherkennung von Unternehmenskrisen untersucht. Ausgehend von insolventen und nicht-insolventen österreichischen Unternehmen für den Zeitraum 2000 bis einschließlich 2011 wurden Gemeinsamkeiten und Unterschiede für die beiden genannten Variablen analysiert. Es zeigt sich, dass die Größe des Unternehmens in allen Jahren statistisch signifikant ist, was bedeutet, dass insolente Unternehmen in der Regel kleiner sind als solvente. Im Weiteren konnte festgestellt werden, dass das Alter im Wesentlichen keine Erklärungsvariable ist, welche für die Früherkennung von Unternehmenskrisen geeignet ist. Eine hohe korrelative Verbindung, wie sie in früheren Arbeiten postuliert wird, konnte im Rahmen dieser Untersuchung nicht festgestellt werden. Große Unternehmen müssen demnach nicht unbedingt ein hohes Alter besitzen.

Publiziert in:
Situm, M. (2014). The age and the size of the firm as relevant predictors for bankruptcy. Journal of Applied Economics and Business, 2(1), 5-30.

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Abstract:

Es gibt unterschiedlichste Ansätze, wie man in der Beraterpraxis die finanzielle und wirtschaftliche Situation eines Unternehmens bewerten bzw. beurteilen kann. Erfahrungen zeigen, dass ganz bestimmte Indikatoren analysiert werden müssen, um anstehende Unternehmenskrisen frühzeitig und umfassend erkennen zu können. In der betriebswirtschaftlichen Literatur wurden in zahlreichen Publikationen verschiedenste dieser Krisenindikatoren untersucht, welche z.T. in der Beraterpraxis Anwendung finden. Im vorliegenden Beitrag werden die Ergebnisse einer Befragung zu relevanten Krisenindikatoren und auch ein Vergleich der daraus resultierenden Ergebnisse mit einschlägigen Frühwarnsignalen aus der Literatur dargestellt. Die Ergebnisse zeigen interessante Ansatzpunkte, welche von Praktikern in ihrer Beratungstätigkeit eingesetzt werden können.

 
Publiziert in:
Exler, M. W., & Situm, M. (2014). Indikatoren zur Früherkennung von Unternehmenskrisen in der Beraterpraxis: Ansatzpunkte zur Etablierung eines internen Frühwarnsystems, in: Krisen-, Sanierungs- und Insolvenzberatung, 10(2), 53-59.

Abstract:

In dieser Studie werden zwei Insolvenzfrüherkennungsmodelle vorgestellt, welche mit der multivariaten linearen Diskriminanzanalyse und der multivariaten logistischen Regression entwickelt wurden. Die Finanzkennzahlen als Trennvariablen wurden auf Grund Erfahrungen frührerer Studien entwickelt. Es wurde angenommen, dass Unternehmen in drei Gruppen eingeteilt werden können - gesunde (Gruppe 1), krisenresistente (Gruppe 2) und insolvenzgefährdete (Gruppe 3) - welche unterschiedliche wirtschaftliche Zustände beschreiben. Die Daten für die Modellierung der Systeme wurden auf Grund einer Befragung von 35 Professional aus der Unternehmenberatung und der Bankwirtschaft gewonnen. Die Resultate stehen im Einklang mit früheren Ergebnissen. Eine hohe Eigenkapitalquote, eine hohe Profitabilität, eine geringe Schuldentilgungsdauer als auch ein Umsatzwachstum reduzieren die Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz.

Publiziert in:
Situm, M. (2013). Business failure prediction models based on expert knowledge. Czech Journal of Social Sciences, Business and Economics, 2(4), 28-45.

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